Die Etappen der tausend Jahre alten Menschengeschichte sind nicht gepflastert mit Eigenschaften des einfühlssamen Denkens und des Wachsens unserer eigen Kräfte, sondern zeigen, daß aus der reinen Quelle Mensch nur technische Erfolge entsprangen. Der immer aufrechter werdende Gang des Menschen ist, ohne von uns bemerkt zu werden, nur von Verlusten begleitet - ein Zeitalter erlöschender Gewißheiten, die uns vom Wesentlichen nicht ablenken dürfen. Nicht von unserer Poesie, nicht von unserer Lebendigkeit und nicht von unserem existentiellen lnteresse am Erhalt des Vergangenen. In den Nachwehen jedes Jahrhunderts begleiten uns die gleichen Müßigkeiten, wirtschaftliches Chaos, Niedergang der Moral, Verlust der Verantwortung am Nächsten, den Tieren, der Natur gegenüber, Verschwendungssucht und Luxus, soziale und religiöse Hysterie.
" Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber immer tut es der Mensch" - Voltaire
Meine beste Freundin Grete
Zu der Begegnung mit meiner besten Freundin, einer Kapuzineraffendame namens "Grete" fällt mir soviel ein, daß ich nicht weiß, weicher Augenblick des Kennenlernens mir der Bedeutendste war. Entdeckt haben wir das damals armselige Affengeschöpf in einem Zoogeschäft, wo sie in einem kleinen Käfig, der neben dem Eingang, in einer dunklen Ecke installiert war, zehn Jahre hockte. Noch nie in meinem Leben habe ich einen gehäubten Kapuzineraffen gesehen, geschweige denn von der Haltung und den Bedürfnissen dieser hoch intelligenten Affen Kenntnisse gehabt. Und trotzdem fühlte ich, daß das so, wie sie auf der Stange saß, keine artgerechte und lebenswerte Existenz sein konnte. Wir beide waren uns einig: Das Äfflein muß aus ihrem Gefängnis freigekauft werden. Als der Besitzer unser Interesse bemerkt, nahm er Grete aus dem Käfig, um sie besser präsentieren zu können. Da schaute ich zum ersten Mal in zwei wunderschöne und kluge Äuglein. Damals wußten wir noch nicht um die Problematik des Handelns mit Affen. Wir sahen nur das, in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkte Individuum, welches wir befreien wollten. Am liebsten hätten wir sie gleich mitgenommen. Leider waren noch finanzielle Probleme zu klären. Zu dieser Zeit waren wir fast mittellos, unser ganzes Geld steckte schon im Tierschutz. In solchen, nicht nur für uns, sondern auch für Grete entscheidenden Augenblicken, lernt man seine wahren Freunde kennen, Schon bei den ersten Sätzen, die ich am Telefon sprach, kam aus dem Hörer: "Nein, für Affenbefreiung haben wir kein Geld, Außerdem kann man doch nicht allen exotischen Tieren helfen. Ihr seid doch nicht mehr normal," Entsetzt, und sehr traurig, rief ich meine Mutter an. Sofort versprach sie mir, uns die Hilfe des verlangten Preises zu geben. Den Rest bekamen wir von fremden Menschen, mit denen wir nicht gerechnet hatten. Nach ein paar Tagen war alles geregelt und wir holten Grete mit einem Katzentransportkorb ab. Ahnungslos, überhaupt nicht informiert über die Haltung eines solchen Geschöpfes, fuhren wir fröhlich mit unserem "Mitbringsel Richtung zu Hause. Nach kurzer Überlegung, wo Grete leben sollte, entschieden wir uns für das Gästezimmer, an dessen Fenster ein großes Außengehege grenzte. Früher lebte dort ein Kater, der sich mit an¬deren Katzen nicht vertragen konnte. Es sollte jetzt in Gretes Besitztum übergehen.
Das Gästezimmer war mit einer neuen Couch, zwei Bücherregalen, einem Tisch und vielen Blumentöpfen ausge¬stattet. Wer Kapuzineräffchen kennt, dem entgeht nicht, wie paradiesich sich Grete in diesem Zimmer fühlte. Ein Begrüßungsmenü stand auf dem Tisch: Obst, Gemüse, Getreide, Pudding, Eier und Brot. Zehn Jahre Käfighaltung forderten ihren Tribut: Grete konnte nur mit Mühe klettern. Aber schon am ersten Tag lernte ich ihren starken und eigensinnigen Charakter kennen. Es forderte ihre ganze Kraft, auf die Fensterbank zu kommen. Sie schaffte es jedoch. Um ihr keine Angst einzujagen, setzte ich mich auf den Fußboden. Während Grete hin und her lief, redete ich leise auf sie ein. Wir bekamen Blickkontakt und beobachteten uns gegenseitig, unsicher, wie die eine auf die andere bei bestimmten Körperbewegungen reagieren würde. Jedesmal wenn ich meinen Arm ausstreckte, wickelte das Äffchen ihren langen Schwanz um ihren ganzen Körper und verbeugte sich nach vorne wie zu einer Begrüßung, dabei wie ein Vogel leise zwitschernd. Um deutlich zu machen, wie wenig Interesse sie an meiner Person hatte (obwohl sie es vor Neugierde kaum noch aushalten konnte, so gern wäre sie auf meinen Arm gesprungen) schaute sie ausgiebig aus dem Fenster in den Garten, jeden Zweig und jede Blume begutachtend. Aus 11 den Augenwinkeln jedoch behielt sie mich und das Zimmer unter Kontrolle. Eine unbedachte Bewegung meinerseits versetzte sie in Panik. Dabei schrie sie grell und ohrenbetäubend und machte zähnefletschende Angriffsbewegungen. Versunken in gegenseitiger Angst, mißtrauend unseren Absichten, kauerten wir, ich auf dem Fußboden (mein Rücken fühlte sich langsam wie ein steifes Brett an), Grete auf der Fensterbank, seit Stunden. Was soll ich bloß machen? Wie komme ich aus die¬sem Zimmer, ohne gebissen zu werden, bloß heraus? An der Tür lehnend, fragte Susanne leise, was sich so bei uns tut. Darauf reagierte Grete nur noch aggressiver, sodaß ein Informationsaustausch, ohne mich zu gefährden, nicht möglich war. Hätte ich mich bloß beim Reingehen in das Zimmer gleich auf die Couch gesetzt, dann wären meine Beine jetzt nicht so steif. Ganz zu schweigen von meinem geplagten Gesäß, daß ich auf dem harten Fußboden schon gar nicht mehr fühlte. Irgendwie schlich sich bei mir der Verdacht ein, daß der Affe mich von Anfang an überlistet hat, indem sie sich gleich auf der Fensterbank in die bessere Position gebracht hat. Die kleinen, listigen Äuglein schienen mich voll im Griff zu halten und irgendwie spürte ich, daß Grete sich über meine unglückliche Situation lustig machte.lrgendwann, im Laufe der vorbeischleichenden Zeit, kam mir die Eingebung, die Hoffnung weckte. Wenn ich so tat, als ob mich nur die Bücher interessieren würden, wurde Grete neugierig. Aus den Augenwinkeln sah ich überrascht, wie sich Gretes Verhalten ruckartig verlagerte. Das ganze Gesichtchen schien mit jeder einzelnen Falte zu arbeiten. Indem sie die Augenbrauen hob, bildeten sich auf der Stirn Denkfalten. Das schwarze Fellhäubchen auf Gretes Kopf verschob sich währenddessen nach vorne und erweckte den Anschein einer nicht in Wirklichkeit existierenden Kopfbedeckung in Form einer Mütze. Wenn sie ihre Lippen öffnete, entstanden an den Seiten dicke Pausbacken. Jetzt schaute sie mir direkt ins Gesicht, die kleinen, listigen, braunen Äuglein bewegten sich schnell hin und her. Nach einer Weile vernahm ich einen merkwürdigen Ton, der sich wie zwei turtelnde Tauben anhörte. Heute weiß ich, daß diese Töne Freundschaft und große Zuneigung ausdrücken. Grete verfügt über viele Arten von Tönen, die ihre wechselnden Stimmungen ausdrücken. Nach achtstündigem, gegenseitigem. Beobachten, jeder von uns auf seine eigene Art, schien sich die gespannte Atmosphäre zu lockern. An diesem Tag ist für Grete sehr viel Neues geschehen, Grete war sehr müde. Erst die Fahrt mit dem Auto - sie war so still während der Reise - heute weiß
ich, wieviel Angst meine kleine Freundin damals hatte. Dann das Zimmer, so groß war Gretes Welt in 10 Jahren Gefängnis nicht gewesen. Langsam, mich immer im Blick behaltend (wobei ich mich schlafend stellte), kletterte Grete vom Fenster auf den Tisch, steckte sich eine ganze Tomate in den Mund, und nahm b eim Weglaufen mit ihren kleinen Händchen noch zwei Kiwis mit. Die plötzliche Nähe ließ mich ihre kleinen Fingernägel Gewahr werden, die doch so an menschliche Nähe erinnern. Grete aß auf der Fenster¬bank sehr schnell, aber doch sehr geschickt ihre Hände benutzend, daß sich
mir zum ersten Mal die Gewißheit verfestigte: Ein
Affe ist ein kleiner Mensch. Diese Meinung bestätigte Grete mit jeder neuen Bewegung ihres Körpers. Sie glitt mit ihrer rechten Hand wie ein Mensch über ihren Schopf, der seine lästigen Haare aus dem Gesicht streichen will. Sie kratzte sich hinter dem Ohr mit einer Hand, gleichzeitig bog sie es mit der anderen nach vorne, um den Kratzvorgang zu erleichtern. Ein paar mal holte sie sich noch Obst und Gemüse und verzog sich damit auf die sichere Fensterbank. Mir fiel auf, dass Grete nur das Innere eines jeden Fruchtstückes aß, indem sie es gegen den Gaumen drückte und die Schale nach diesem Vorgang ausspuckte. Während ich Grete beobachtete, wie sie auf der Fensterbank saß, ein Bein über das andere schlug und sich mit der Hand abstützte, mußte ich mir das Lachen verkneifen. Die Pose erinnerte mich an Marlene Dietrich mit ihrem Lied ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, und sonst gar nichts". Gretes Augen fielen zu. Die langen Wimpern warfen Schattenspiele auf Gretes Gesicht. Während solcher Pausen rutschte ich immer ein Stück weiter zur Tür, bis
ich die Klinke herunterdrücken und das Zimmer verlassen konnte. Bevor ich die Tür schloß, löschte ich das Licht. Schon lange hatte ich mein Bett als nicht mehr so wohltuend empfunden.
Damals waren Susanne und ich beide noch berufstätig und hatten gerade Frühdienst.. Bevor wir weggingen sorgten wir 35Katzen und 2Hunde.Da Grete vom Vortag noch genug zu essen hatte, brauchte ich bei ihr nur kurz hereinschauen. Sie schlief noch. Nichts Böses ahnen fuhren wir beruhigt zur Arbeit. Während der ganzen Zeit überlegten wir, was unsere Grete wohl so macht. Hoffentlich ist es ihr allein nicht langweilig. Susanne war der Meinung, daß wir eine Glastür einbauen sollten, damit Grete den ganzen Haushaltsvorgang und die anderen Tiere beobachten kann. Voller Freude fuhren wir nach Hause. Als erstes ging Susanne zu Grete. Sie machte die Tür auf, ich drängte mich dicht dahinter und hörte sie "Oh Grusel !"flüstern. Mir ist ganz schlecht geworden, weil ich dachte, dass Grete etwas Böses zugestoßen war. Schnell schob ich Susanne zur Seite und vergaß vor Entsetzen zu atmen. Ein Vulkanausbruch hätte nicht mehr Schaden anrichten können. In den Regalen gab es keine Bücher mehr, alle waren in Stückchen "gelesen". Sämtliche Dekorationen waren zerschlagen. Die Couch diente nicht ,nur als Klo, nein, das wäre doch noch zu verkraften gewesen. Die Lehnen wurden vom Stoff befreit, den man dann, als Krönung des ganzen, in Obstsaft eintauchte und damit die Fensterscheiben geputzt hat. Meine gepflegten und geliebten Topfblumen blieben auch nicht unbemerkt. Man schmiß sie einfach herunter, die Erde verteilte man säuberlich auf die "gelesenen" Bücher. Und wenn sie meinen, Grete war endlich zufrieden mit der geleisteten Arbeit, dann täuschen sie sich, liebe Leser. An den Wänden unseres Zimmers gab es mal schöne, weiße Tapeten. Nur Grete kann soviel Harmonie an den Wänden nicht leiden, der Affenbösewicht ist mehr für abstrakte Kunst, also runter mit dem Papier an den Wänden. Selbst saß sie jetzt erschöpft, *aber wie es schien zufrieden mit ihrem Werk, auf der Fensterbank und belohnte sich seelenruhig mit einem saftigen Stück Ananas. Und wehe dem, der versuchen wollte, seine Behausung zu verändern. Dieses hat Susanne, bei dem Versuch aufzuräumen, sehr schmerzlich an ihrer Schulter zu spüren gekriegt. Grete sprang, im wahrsten Sinne des Wortes, in einem Affen¬zahn auf Susannes Oberkörper und biß erbost hinein, Nicht nur das Aufräumen blieb an mir hängen (sonderbarerweiße durfte ich es)
auch die Pflege der hinterlassenen, blutenden Wunden in Susannes Schulter, die schneller schwoll, als ich rea¬gieren konnte. Zum Glück ha¬ben Heilerde-Umschläge eine Entzündung erfolgreich ver¬hindert. An diesem Tag habe
ich mehr über Affen gelernt, als aus zwanzig Büchern.
Am späten Abend saß ich auf der zerschundenen Couch in dem ausgeräumten Zimmer und schaute mit Wehmut 'in die leeren Regale. Viele Bücher waren mit Erinnerungen aus meiner Kindheit verbunden und trotzdem war in diesem Moment Grete wichtiger. Ihre kleinen Händchen, das denkende kleine Gesichtchen, die krummen Beinchen, das ganze bildete ein süßes, zärtliches Ganzes, das ich nicht mehr missen möchte. Eine Trennung wäre höchstens dann möglich, wenn man Grete zurück in ihre geographischen Grade auswildern könnte. Eine Wohnung, wenn auch mit großem Au¬ßengehege, bleibt doch ein Gefängnis. Wie gern hätte ich Grete in den Arm genommen. Aber bis dato trauten wir uns kaum, uns zu bewegen, höchstens ein paar Kinderlieder mit unserer ungeübten Stimme zu singen, was Grete in Verzückung versetzte. Auf diesem Wege haben wir erfahren, wie musikalisch Affen sind. Susanne blieb immer noch Staatsfeind Nr. 1. Damals, an dem be¬sagten Tag (dem Größten, wie wir in unserer Naivität glaubten) der Grete Inspiration, wäre uns im Traum nicht eingefallen, daß es nur das Preludium
dessen wiederspiegelte, was Grete in ihrer vollen Schlauheit und ihrem Phantasiekopf noch so in Petto hatte. Gott sei Dank ist der Mensch so im Leben aus¬gestattet, daß Erfahrungen und Gewißheiten erst im Laufe der Jahre gesammelt werden müssen. Sonst wären wir mit dem Wissen, was wir heute über Affen haben, damals verzweifelt. Stufe für Stufe kletterte sich Grete in unser Leben und wir zwangsläufig, voller Liebe in ihre Gewohnheiten.
Alltag kehrte bei uns ein. Grete war kein Gast mehr, sie ist zum Familienmitglied geworden. Täglich holten wir sie ins Wohnzimmer, damit sie von meinem Arm aus die anderen Tiere kennenlernen konnte.
Eines Tages durfte sie endlich unter Aufsicht das Wohnzimmer erkunden.
Als Erstes begutachtete Grete alle auf dem Tisch liegenden Gegenstände. Schlau wie sie ist, konnte sie nach einer Stunde die Fernbedienung meisterhaft
handhaben und sprang vor Freude, wenn die Bilder auf dem Schirm schnell wechselten, in die Luft. Wir konnten auch beobachten, wie Grete Zeitung las: Erst wurde das Titelblatt beschnuppert, dann fing sie mit den Blättern an. Dabei störten verklebte Blätter nicht. Man spuckte auf die Finger, und schau mal, wie spielend leicht es wurde. Grete verbrachte nur noch die Stunden in ihrem Zimmer, die wir beruflich weg mußten oder nachts. Uns beobach¬tend lernte das Affenfräulein sehr schnell. Da stellten wir fest. daß nicht nur Menschen telefonsüchtig werden können: Den Hörer abzunehmen kann auch zum Affenhobby werden. Man wählt so nebenbei ein paar Zahlen und freut sich, wenn es beginnt zu sprechen, dann zwitschert man ein paar Zeilen hinein. Nachdem wir Gretes Telefonate bemerkt haben, waren wir dankbar, daß sie nicht gerade Amerika angewählt hatte. Konsequenz: Nachdem wir Gretes Telefonate bemerkt haben, waren wir dankbar, daß sie nicht gerade, Amerika angewählt hatte. Konsequenz: Der Apparat wurde zur größten Affenenttäuschung im Schrank eingeschlossen. Sie durfte jedoch weiterhin in unserer Anwesenheit den Hörer abnehmen.
Die Jahre, in denen ich aus meinem eigenen Glas trinken und von meinem eigenen Teller essen durfte, sind leider auch vorbei. Grete hat sich derer voll bemächtigt. Versuche, ihr das zu verbieten, habe ich schnell aufgeben müs¬sen. Ohrenbetäubende Schreie ihrerseits, um zu prüfen, wer die stärkeren Nerven hat, wurden von Grete voll gewonnen. Also essen wir seit acht Jahren gemeinsam und wenn man uns anschaut: Wohl bekomm's. Diese gemeinsamen Mahlzeiten jagten Susanne und mir eines Tages einen großen Schrecken ein. Ein Glas Wein wurde auf dem Tisch vergessen. Als ich aus der Küche zurückkam, saß Grete am Tischrand, breitbeinig, dämlich grinsend, rülpste mir ihre Alkoholausdünstungen mitten ins Gesicht.
Das betrunkene Tier wurde von Susanne homöopathisch entgiftet. Die ganze Nacht saß' ich mit meiner besoffenen Freundin auf dem Arm und litt Todesängste, ob sie das auch überleben würde. Denkste, während ich am nächsten Tag mit dicken Augen, dick wie Fäuste, zur Arbeit fuhr, vergnügte sich Grete mit einem Apfel in der Hand auf ihrer Schaukel. Die Kopfschmerzen hatte ich. Gretes Liebe zu kleinen Katzenbabies entdeckten wir zufällig. Ein sechs Wochen altes, mutterloses Kätzchen huschte schnell in Gretes Zimmer rein. Das Äffchen schlug' sich vor Freude auf die Knie. Ab dem Zeitpunkt nahm sie es in ihre Obhut. Es wurde gelaust, gestreichelt, sollte auch nicht verhungern. Also schob man dem Kätzchen Paprikastückchen ins Mäulchen - die das Kleine sofort wieder ausspuckte.Schnell begriff Grete,
daß Ihrem Pflegling nur
Whiskas schmeckte, also stellte man das Menü um. "Piroschka" litt an Leukose, wir wußten, daß sie bald
stirbt. Vorherige Trennung des Tieres von Grete war nicht möglich. Bei solchen Versu¬chen schrie die eine oder mi¬aute die andere. Also ließen wir die beiden zusammen spielen, schlafen und leben. Nach ein paar Wochen ging es "Piroschka" immer noch den Umständen entsprechend gut. Keiner von uns, auch der Tierarzt nicht, sah einen plötz¬lichen Tod voraus. Aus dem Auto steigend hörten wir
schon Gretes Trauerschreie. ,~
Wir rasten in ihr Zimmer. Tod lag Piroschka auf der Couch; daneben sie verzweifelte Grete. Wir mußten ihr, selbst heulend, das steif gewordene Baby mit Gewalt wegnehmen und im Garten begraben. Gretes Schmerz war groß. Sie verweigerte jegliches Essen, saß stundenlang auf der Fensterbank, mit dem Gesicht zur Wand und wollte nie¬manden hören und sehen. Sie schrie, erbrach sich mehrmals und ihr Kot war schwarz. Sie riß sich aus ihrem Ka¬puzinerhäubchen büschelweise Haare aus, daß es ganz struppig wurde. Voller Angst um Grete, entschieden wir uns (obwohl mit erwachsenen Katzen überladen), ein kleines Kätzchen für Grete zu holen. Bei einem Bauern fan¬den wir auch ein total verschnupftes und brachten es zu Grete. Während wir. das Kleine aus einer Wolldecke auswickelten, schaute Grete apathisch zu, aber dann ....
Grete sprang von der Fensterbank, über den Tisch hinweg, bis auf die Couch. So einen Riesensprung hatte ich bei ihr noch nie beobachtet. Zwitschernd und gurgelnd nahm sie "Piroschka II" in ihre Arme. Das Kleine war ziemlich erschöpft, auch die Spritze des Tierarztes wirkte sehr beruhigend, es schlief selig in Gretes Armen ein. Beide wurden glücklich miteinander. Erst die erwachsene "Piroschka" wurde entwöhnt, zugunsten eines neuen, mutterlosen Babies. So zog uns Grete mit viel Liebe so manches kleine Katzenbaby groß. Nur leider ist Grete nicht nur liebevoll. So kann sie, zum Beispiel erwachsene rote Katzen nicht leiden. Auch auf Hunde ist sie nicht gut zu sprechen. Diejenigen, die nicht ihre Sympathie erwerben, ernten Hiebe oder sie werden gekniffen. Ernsthaft hat sie jedoch bis heute kein Tier - außer den Menschen - verletzt.
Den zweiten herzhaften Biß schenkte sie meiner Freundin Gundula, die nicht wußte, wie ihr geschah. Es war wohl so Gretes Art, sich auf diese Weise für ehrenamtliches, stundenlanges Putzen bei unseren Tieren zu bedanken. Genäht wurde die Wunde im Krankenhaus, von einem sich kaputtlachenden Pfleger, der seinen Ohren kaum trauend, sich bei Gundula nochmals vergewisserte, ob sie wahrhaftig von einem Affen gebissen worden sei. Hier muß ich hinzufügen, daß wir damals beide in einer dort bekannten Einrichtung für geistig Behinderte arbeiteten und diese Verbindung brachte das Krankenhausper¬sonal lauthals zum Lachen. Gretes drittes Opfer war meine Freundin Conny aus Essen. Wir vergaßen, daß Grete im Wohnzimmer spielte. Sonst wird es immer so eingerichtet, daß, wenn Besuch kommt, Grete in zwei andere Räume des Hauses geht. Vom Streß geplagt, wurde Madame halt vergessen. Wir saßen mit vielen Besuchern vorm Haus, der Sommer des Jahrhunderts legte alle Tiere lahm, das große Schlafen im Gehege unter schattigen Bäumen; nur das Schnarchen der Hunde und unsere Stimmen schallten über den Hof. Da fiel Conny ein, daß noch kalte Getränke im Kühlschrank stehen, ich unterhielt mich seelenruhig mit Tierfreunden:
... "Oh Gott! Grete ist im Wohnzimmer". Rennend (und bei meinen 140 kg Gewicht soll das was heißen) rief ich: "Connnnnyyyyy!"
Leider zu spät ...
Ruhig, ohne Panik, sagte Conny:
"Schrei nicht so, es ist schon passiert: Grete hat mich soeben in die Ferse gebissen."
Voller Erstaunen über Conny's Beherrschung, verarztete Susanne die Bißwunde.
"Weißt du", sagte Conny, "ich fühlte so weiche Berührungen an meinem Bein und dachte, eine Katze schmust mit mir. Aber in Wirklichkeit umarmte Grete mein Bein, um besser beißen zu können."
Die Wunde in Conny's Ferse verheilte ohne Arzt. Während dessen sauste die schreiende, erboste Grete ins Gehege, mir von weitem drohend. Das kleine Biest war sauer, daß ein erneutes Zubeißen von mir verhindert wurde, gerade dann, als es anfing, Spaß zu machen. Am Abend wurden meine Haare nicht gelaust - man war ja immer noch beleidigt.
Nur drei Menschen durften, zu unserer kompletten Verblüffung, Grete anfassen und auf den Arm nehmen. Eine Tierschützerin aus Paderborn ging auf Grete, die bequem in Susannes Arm hockte, ganz unbelastet zu und kraulte ihr den ganzen Kapuzinerkopf durch. Währenddessen hat sich Susanne vor Schreck fast hintenüber auf den Hintern gelegt.
Unser Tierhaus wird täglich von vielen Menschen besucht. Eines Tages kam Frank Jentsch aus Bad Oeynhausen. Von Grete total begeistert, nahm er Susanne das Äffchen aus dem Arm und spielte mit ihr, als ob sie sich schon seit Jahren kennen würden. Grete schloß auch große Freundschaft mit Gitta Helak aus Detmold, die für uns ehrenamtlich arbeitete. Grete läßt sich von Gitta herumtragen, füttern und kraulen. Jedesmal erlebe ich bei den Schmusebegegnungen panische Ängste, ob die Flirts gut ausgehen. Mein Vertrauen in Gretes neue Freundschaften ist noch nicht gefestigt, bis jetzt wurde ich aber in meinem Mißtrauen noch nicht bestätigt. Grete liebt Frank und Gitta.
Vieles wäre noch zu erzählen: Wie Grete sich Nacht für Nacht aus meinem Haar ein Nest zum Schlafen baut, ohne Rücksicht auf meine Kopfschmerzen zu nehmen, wie sie mich nachts ohrfeigt, wenn ich zu unruhig schlafe und durch häufigen Stellungswechsel wage, sie in ihrem seligen Schlaf zu stören. Wie sie mir eine Plombe aus meinem Zahn blitzartig rausholte, ohne daß ich rechtzeitig darauf reagieren konnte. Ihrer Beobachtungsgabe entgeht nichts, nicht mal Zahnplomben. Und obwohl ich schon zum Schluß kommen wollte, für eines nehme ich noch Zeit, um zu sagen, daß wenn schon ein Leben in Gefangenschaft, dann muß es durch viel Liebe entschädigt werden. Und die bekommt Grete in jeder Minute ihres Lebens bei uns.
Sollte Grete auch etwas schreiben können in der Geschicht über sich, würde sie all die lieben Leser bitten, für sich und die anderen sechs Affen eine Patenschaft zu übernehmen. Denn der Unterhalt für sie alle erzeugt hohe Unko¬sten. Aber auch das Gefühl haben zu dürfen, daß es Menschen gibt, die an ein kleines Kapuzineräffchen denken, wäre für Grete großartig - wo sie doch so selbstlos lebt. Auch über interessante, bunte Post würde Grete sich freu¬en: Man "liest" ja so gern ...